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Annehmen ist das eigentliche loslassen

In vielen Büchern, Workshops und Coachings ist es Thema Nummer eins: Das loslassen. 
Wie vieles wolltest Du schon loslassen? Und wie oft hat es funktioniert? Gar nicht? Dann geht es Dir genau wie mir. Ich habe mich lange mit diesem Thema befasst, denn glaub mir, ich hatte so einiges in meinem Rucksack dass ich unbedingt loslassen wollte! In diesen Büchern und Kursen wird einem gesagt, wenn man dieses oder jenes endlich loslassen kann, dann verändere sich dein Leben, zum besseren selbstverständlich. Es gibt Rituale, Anleitungen und sogar Listen die man abhäkeln kann, um dieses „loslassen“ irgendwie zu bewerkstelligen.

Aber wie zum Teufel soll man etwas loslassen, das tief in seiner Seele verwurzelt ist? Ja, das eigentlich schon fast ein Teil von uns selber zu sein scheint? Wie lässt man etwas los, auf das man keinerlei Einfluss und das übermächtig zu sein scheint?
Hast Du Dich das auch schon gefragt? Meine  Antwort darauf ist ziemlich simpel: Gar nicht. 
Man kann eine Blockade, eine Angst oder ein anderes negatives Gefühl nicht einfach aus sich heraus „schneiden“ und dann fröhlich weiter machen. Glaub mir, es funktioniert nicht.

Ich werde Dir auch erklären warum das nicht geht. Jede Angst und jede Blockade die wir haben sind eigentlich nur Anzeichen dafür, dass in der Tiefe noch etwas angeschaut und geheilt werden möchte. Negative Gefühle sind so zu sagen ein Symptom dafür, dass etwas noch nicht im Fluss ist. Und wer nun lediglich das Symptom anschaut und loszuwerden versucht, wird zwangsläufig scheitern weil der Ursprung des Symptoms noch nicht geheilt ist. Ich erkläre Dir das gerne an einem Beispiel aus meiner Praxis:

Eine Frau sass mir gegenüber und berichtete mir ausführlich von ihren Ängsten die sie schon ein Leben lang begleiteten. Sie litt unter Panikattacken und hatte massive Verlustangst. Tiefere Beziehungen waren für diese Frau kaum möglich weil sie von dieser Angst dermassen blockiert wurde, dass sie schon gar niemanden näher an sich heran lassen konnte. Sie litt unter dieser Zurückgezogenheit, war aber unfähig gegen diese Angst anzukommen und an ihrer Situation etwas zu verändern. Es überkam sie manchmal wie aus heiterem Himmel und brach wie tosende Wellen über ihr zusammen, nicht kontrollierbar und für diese Frau nur schwer auszuhalten. Sie versuchte sich mit ihrer Karriere und vielen wunderschönen Reisen abzulenken. Aber immer wieder kam dieses Thema zum Vorschein und sie spürte resigniert, dass sie nicht glücklich werden würde solange diese Angst so mächtig war.

Viele Therapeuten und Bücher hatten ihr schon dazu geraten, ihre Angst loszulassen. Da dies, egal mit welcher Methode, noch nie funktioniert hatte, plagten die Frau nun zusätzlich noch Selbstzweifel über ihre Unfähigkeit ihre Ängste aus ihrem Leben zu verbannen.
Da ich von meinem systemischen Wissen her nun aber weiss, dass solche Gefühle immer einen tieferen Kern haben, ging es an unserer ersten Sitzung gar nicht um diese Verlustängste sondern auf was diese Ängste meiner Klientin eigentlich aufmerksam machen möchten.

In der Aufstellung zeigte sich mir, dass die Klientin einen Zwilling hatte. Als ich sie danach fragte wirkte sie im ersten Moment irritiert und stimmte nach kurzem überlegen dann zu und sagte, dass er nicht lebend zur Welt gekommen ist. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie mit keinem Wort Geschwister erwähnt, denn in ihrer Erinnerung war sie Einzelkind. Sie war ja nicht mit ihrem Bruder aufgewachsen und man hatte nie über ihn geredet und so wurde er mit der Zeit „vergessen“. Erst als ich ihr zu erklären begann, wie innig und tief so eine Zwillingsbeziehung sei und das man in diesem Stadium des Lebens, den anderen als einen Teil von sich selber spürt, begann sich etwas in meiner Klientin zu verändern. Ich sagte ihr, dass diese Verlustangst daher stammt, dass sie bereits zu Beginn ihres Lebens, auch wenn sie sich nicht mehr daran erinnern kann, einen grossen Verlust und immensen Schmerz erlebt hatte. Meine Klientin schaute mich mit grossen Augen an… und dann  konnten endlich die Tränen bei ihr fliessen. Tränen die heilend und Balsam für die Seele waren. Sie konnte nun endlich um ihren verstorbenen Zwillingsbruder weinen und ihren Verlust betrauern. Und weil sie diesen Ur-Schmerz endlich anschauen und annehmen konnte, durfte Heilung geschehen….

Es geht also nie darum, irgendetwas Negatives aus seinem Leben löschen oder auf Biegen und Brechen loslassen zu wollen. Es geht darum den Ursprung dieser Gefühle zu erkennen und anzunehmen. Hat man dies gemacht werden sich die Symptome, also die negativen Gefühle, sich mit der Zeit von selber lösen, denn sie werden nun nicht mehr gebraucht.
Angst ist immer nur ein Symptom dafür, dass in der Tiefe noch etwas nicht geheilt und noch nicht angeschaut wurde.

Ich wünsche Dir den Mut und die Achtsamkeit, um beim nächsten Mal in die Tiefe zu gehen, hinzuschauen und anzunehmen was sich Dir da offenbaren wird….

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